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Souveräner Umgang oder Mitläufersyndrom?

Von Christopher Jahns| 18. Februar 2021

Weshalb wir dringend über unseren Skill Gap beim Thema Datenschutz reden müssen.

Der Titel verrät es schon – ich denke, wir müssen uns mit einem Thema befassen, das für viele wahrscheinlich recht sperrig und unsexy daherkommt: Datenschutz. Mit „wir“ meine ich tatsächlich uns alle, in Deutschland und der ganzen Welt. In den vergangenen Wochen hat mich das Thema vor allem deshalb beschäftigt, weil ich eine gewisse Diskrepanz im Umgang mit Daten, besonders der Sensibilität von Privatdaten jeglicher Art, erkenne. Je nachdem wer sich dafür interessiert, sind wir mal mehr, mal weniger geneigt, genauer hinzusehen und zu hinterfragen, was damit eigentlich passieren soll – und wieviel Kontrolle darüber wir bereit sind abzugeben. In einem Post auf LinkedIn habe ich das Ganze bereits vor kurzem kurz aufgegriffen und möchte die Diskussion hier gar nicht zu sehr vertiefen. Mein persönliches Fazit: Interessiert sich eine staatliche Institution oder Abgesandte einer solchen für unsere Bewegungs- und Kontaktdaten, empfinden das viele Menschen als deutlich bedrohlicher, als wenn sich ein Privatunternehmen dieser bedient und wirtschaftlich für sich nutzt.

Willkommen im Club der Ahnungslosen

Jüngstes Beispiel ist die App Clubhouse, die sich weltweit enormer Beliebtheit erfreut, obwohl sie wegen fraglicher Handhabung der Datensouveränität der User*innen bereits vielfach kritisiert wurde. Ich möchte die App nicht verteufeln – wer sie nutzen möchte, kann das gerne tun. Viele Privatpersonen, so meine ganz persönliche These, verfügen aber überhaupt nicht über die nötigen Skills, um fundierte Entscheidungen über den Umgang mit ihren Daten im Internet zu treffen. Und ich glaube, wenn wir diese Tendenz weiter ignorieren, steuern wir in einer zunehmend digitalisierten Welt gesellschaftlich geradewegs auf ein riesiges Problem zu.

Rund um die Uhr online – was heißt das für unsere Daten?

Den meisten Menschen, die hier mitlesen, geht es wohl ähnlich wie mir: Einen großen Teil des Tages verbringen wir mittlerweile online. Studien sprechen von durchschnittlich fast vier Stunden pro Tag[i]. Die meiste Zeit entfalle dabei auf Aktivitäten in sozialen Netzwerken, Video-Streaming, Gaming und Online-Shopping. Spätestens seit vergangenem Jahr könnte diese Zeit womöglich noch höher ausfallen. Doch bei all den Apps auf dem Smartphone und den Websites, auf denen wir täglich surfen, fällt es sicher nicht nur mir schwer, einen Überblick zu behalten: Wer bedient sich wann und in welchem Umfang welcher Daten über mein Nutzungsverhalten?

Was tut der Gesetzgeber?

Mehr Zeit im Netz sorgt also für mehr Daten, die anfallen und verwaltet werden müssen. Dafür gibt es Richtlinien und Gesetze – gut so! Keine App kann schließlich willkürlich oder gar gegen den Willen ihrer Nutzer*innen Daten einsammeln. Zumindest würden sich die Betreiber*innen damit strafbar machen. Besonders aufmerksamkeitsstark in diesem Zusammenhang wurde 2018 über die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der EU diskutiert. Gemeinsam mit dem Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) soll sie unser aller Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung schützen.[ii] Im Mai wird die DSGVO bereits drei Jahre alt. Und obwohl sie vorschreibt, dass Nutzer*innen genauen Einblick in die Daten, die von ihnen erhoben werden, sowie dessen Zweck erhalten sollen – für mehr Klarheit beim Thema Datensouveränität hat sie meiner Meinung nach bisher nicht gesorgt. Mein Eindruck ist eher, dass 2018 zwar ein umfassendes Raunen durch die Rechtsabteilungen der Republik ging, sich aber für Verbraucher*innen im Alltag genauso wenig Transparenz ergibt wie zuvor.

 Um dem weiten Themenfeld Datenschutz zumindest im geschäftlichen Alltag Einhalt zu gebieten, bildeten sich in den vergangenen Jahrzehnten neue Berufsbilder heraus: Unternehmen haben nun Datenschutz- und Datensicherheitsbeauftragte – selbstverständlich auch wir bei der XU Group. Data Scientists und Data Journalists gehören wohl zu den zukunftsfähigsten Jobs. Denn Datenmengen, das ist klar, wird es immer und in immer größerem Umfang geben. Diese direkte Folge der Digitalisierung bedarf keiner großen Erläuterung. Die Kunst wird daher viel mehr in einem verantwortungsvollen Umgang mit diesen Datenmengen bestehen.

Unternehmen haben Profis – welche Angebote gibt es für Privatpersonen?

Eine Google Suche zum Thema „Datenschutz Kompetenz“ liefert über 41 Millionen Ergebnisse – ergänzt man den Begriff „Weiterbildung“ erhält man immerhin noch 12,5 Millionen Ergebnisse und vor allem solche für berufliche Weiterbildung. Das Feld ist komplex und für Privatpersonen enorm unübersichtlich. Während sich Unternehmen mit qualifiziertem Fachpersonal passend aufstellen und dieses durch kontinuierliche Fortbildungsmaßnahmen mit den nötigen Skills versorgen, stellen sich Verbraucher*innen die Frage: Wie soll ich das im privaten Rahmen schaffen, womit sich andere hauptberuflich befassen?

Natürlich gibt es Beratungsangebote, die auch Privatpersonen nutzen können. Da wäre beispielsweise das Virtuelle Datenschutzbüro.[iii] Es ist eine im Internet betriebene zentrale Informations- und Anlaufstelle für Datenschutzfragen – und steht Privatleuten genauso wie Betrieben und Organisationen zur Verfügung. Bekannt war mir das Büro vor meiner Recherche nicht. Wie eingangs erwähnt, das Thema Datenschutz ist eben nicht besonders sexy und Institutionen, die sich damit befassen, versprühen wenig Glamour – leisten aber unfassbar wichtige Arbeit. Die viel wichtigere Frage ist doch aber: Könnte das derzeitige Informationsangebot des Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfdI) und des Virtuellen Datenschutzbüros zumindest theoretisch den Bedarf von Privatpersonen, die sich ohne Vorkenntnisse vertieft mit ihrer eigenen Datensouveränität befassen wollen, decken? Ich denke nicht.

Der Bedarf ist da: Aber wie schließen wir den Skill Gap?

Und genau deshalb brauchen wir mehr Sichtbarkeit für das Thema. Genauso wie Alternativen zum bestehenden Informationsangebot. Wie könnten diese aussehen? Ich wage dazu mal ein Gedankenexperiment: Zuallererst muss das Thema Datenkompetenz und informationelle Selbstbestimmung natürlich auf den Stundenplan! Kommende Generationen müssen diese Skills genauso erlernen wie Rechtschreibung oder Mathematik. Aber auch die Menschen, die schon lange ihren initialen Bildungsweg abgeschlossen haben, brauchen diese Skills! Wenn also auch Privatpersonen mehr Zugang zu solchen Informationen benötigen, dann müssen andere Bildungsinstitutionen ihre Türen öffnen – und das niedrigschwellig, so dass jeder Interessierte diese Angebote tatsächlich nutzen kann.

Natürlich denke ich dabei auch an die XU Group. Wenn wir einen Beitrag für eine bessere Gesellschaft leisten können – und das heißt für mich eben eine Gesellschaft, die Probleme und Herausforderungen gemeinschaftlich angeht und löst – dann bin ich dafür offen. Es ist ohnehin unser Ziel. Menschen zu befähigen, sich eigenverantwortlich und selbstbewusst im beruflichen Alltag in einer zunehmend digitalisierten Welt zurechtzufinden. Wieso nicht einen Schritt weitergehen und Kompetenzen, die sich sowohl im beruflichen als auch privaten Alltag nützlich oder gar als essenziell erweisen, vermitteln. Wie immer stellt sich dann die Frage, wie man so etwas finanziell schultern soll. Ich kann mir dafür Arbeitgeber*innen-gestützte oder auch staatlich finanzierte Modelle vorstellen.

Wichtig ist, dass wir anfangen, darüber zu sprechen und gemeinsam Lösungen entwickeln.

 

[i]https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/digitec/nutzer-verbringen-im-schnitt-3-7-stunden-am-smartphone-16582432.html

[ii]https://www.bfdi.bund.de/DE/Datenschutz/Ueberblick/Was_ist_Datenschutz/Artikel/
DasBundesdatenschutzgesetzSichertPers%C3%B6nlichkeitsrechte.html

[iii] https://www.datenschutz.de/ und https://www.bfdi.bund.de/DE/Infothek/Anschriften_Links/VirtuellesDSB/VirtuellesDSB.html