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Reskilling für einen zukunftsfähigen Wirtschaftsstandort Deutschland

Von Christopher Jahns| 29. Januar 2021

Skills sind die Währung der Zukunft – vor allem nach Corona

In dieser Woche hat das Weltwirtschaftsforum (WEF) die jährliche Konferenz The Davos Agenda erstmals remote durchgeführt und Speaker*innen sowie Interessierte weltweit über Livestreams zusammengebracht. Und was schon das neuartige Setting erkennen ließ, fand sich in den Redebeiträgen wieder: Die Pandemie stellt nicht nur die Weltwirtschaft, sondern auch nahezu alle lokalen Arbeitsmärkte vor enorme Herausforderungen. Guy Ryder, Director General, resümierte im Namen der International Labour Organization, dass bisher schätzungsweise 81 Millionen Menschen weltweit aufgrund der Pandemie nicht mehr aktiv am Arbeitsmarkt teilnehmen – das entspricht annähernd der Einwohnerzahl Deutschlands!

Die wichtigste Frage der Konferenz war daher, wie Politik und Wirtschaft sich schon heute bestmöglich auf die Zeit nach der Pandemie vorbereiten können: um den wirtschaftlichen Schaden wieder aufzufangen und den Menschen, die unter seinen Folgen leiden, echte Perspektiven zu bieten. In meinen Augen – und das bestätigten auch die Beiträge während der Davos Agenda – sind umfassende Investitionen in Reskilling, also in berufliche Neuqualifikationen, die einzige vernünftige Lösung für diese Herausforderung!

Keine Perspektiven ohne Reskilling

Schon heute haben viele Entscheidungsträger*innen erkannt, dass Skills, also Fähigkeiten, die Währung der Zukunft sind. Sie sind das Wertvollste, das Arbeitnehmer*innen besitzen. Mariénne Jamme, Gründerin und CEO der iamtheCODE Initiative, ging sogar so weit, Skills als das neue Öl zu bezeichnen! Der Unterschied: Öl ist eine vergängliche, unwiederbringliche Ressource, die nur wenige besitzen. Durch die richtigen Programme und Initiativen stehen Skills hingegen jedem Menschen auf der Welt zur Verfügung. Nicht umsonst rief das WEF im vergangenen Jahr die Initiative Reskilling Revolution ins Leben und setzte sich dabei zum Ziel, bis 2030 weltweit eine Milliarde Menschen zu reskillen, also mit neuen Fähigkeiten auszustatten.

Warum das notwendig ist? Wir sehen schon heute klare Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, die einen Wandel aufzeigen und das steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Digitalisierung. Laut dem „The Future of Jobs Report 2020“ des WEF gehören Jobprofile wie Data Analyst*in oder Softwareentwickler*in zu den meistgefragten der kommenden Jahre – und das global über alle Branchen hinweg. Viele andere Berufe werden durch technische Innovationen aber überflüssig werden.

Potenziale nutzen, Menschen überzeugen

Zoom in auf Deutschland: Wie sieht es bei uns aus? Derzeit leiden vor allem solche Berufszweige, die noch fernab der Digitalisierung stattfinden. Ein Vorbote für das, was uns in den kommenden zehn Jahren blüht – auch ohne Pandemie. Allein in der Automobilindustrie werden in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich rund 410.000 Jobs der Digitalisierung zum Opfer fallen.[i] Gleichzeitig entwickeln sich aber auch neue Jobprofile, für die Arbeitnehmer*innen allerdings entsprechend neuqualifiziert werden müssen. Es ist auch finanziell wesentlich lohnenswerter als Menschen zu entlassen, die nicht länger das richtige Skillset für ihren Job besitzen. Genau das illustrierte Alain Dehaze, CEO The Adecco Group, in einem Redebeitrag zum „Thema Skilling The Global Workforce“: Es kostet etwa 38.000 US-Dollar einen Mitarbeiter zu reskillen, während die finanzielle Belastung für die Gesellschaft bei einer Entlassung und den dazugehörigen Konsequenzen bei gut 100.000 US-Dollar liegt – also fast dreimal so hoch ist. Das dürfte Entscheider*innen aus Politik und Wirtschaft mehr als überzeugen.

Um aber eben auch betroffene Arbeitnehmer*innen ins Boot zu holen und Vorbehalte zu nehmen, arbeiten Plattformen wie LinkedIn an innovativen Lösung. CEO Ryan Roslanski stellte dazu in einem Konferenzbeitrag den Career Network Explorer vor, mit dem Interessierte ihr eigenes Skillset mit den Anforderungen von Jobprofilen abgleichen können. Zusätzlich soll das Tool auch aufzeigen, durch welche Reskilling-Maßnahmen die passende Qualifizierung für den angestrebten Job möglich sind. Genau diesen Weg müssen wir gehen!

Anreize sind da – müssen aber genutzt werden

Wer trägt dann aber die Kosten für Reskilling? Die Politik schafft bereits attraktive Anreize: Laut Qualifizierungschancengesetz (QCG) und Arbeit-von-morgen-Gesetz[ii] übernimmt die Bundesagentur für Arbeit bei großen Unternehmen etwa die Hälfte, bei kleinen und mittleren Unternehmen sogar bis zu 100 Prozent der Reskilling-Kosten. Eingeschlossen sind nicht nur die eigentlichen Ausgaben für Maßnahmen, sondern auch die anfallenden Lohn- und Gehaltskosten. Damit ist jedes Reskilling-Projekt quasi vom Start weg Cashflow-positiv. Doch noch viel zu wenige wissen bisher davon!

Mein persönlicher Appell geht daher an die Bundesregierung: Bringen Sie Reskilling endlich auf die Agenda aller Wirtschaftsentscheider*innen, schaffen Sie schon heute Tatsachen! Und investieren Sie damit in die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland.

Herzlichst Ihr Christopher Jahns

 

 

[i] Quelle KOMPETENZ- UND QUALIFIZIERUNGSBEDARFE BIS 2030

[ii] Quelle Arbeit-von-Morgen-Gesetz