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Automotive Reset: Wie die Branche 2022 endlich die Kurve kriegen könnte

Von Christopher Jahns| 13. Januar 2022

Halbleiterkrise, sinkende Abverkaufszahlen und Fachkräftemangel – in der pandemiegebeutelten deutschen Automobilindustrie stehen die Ampeln auf dunkelgelb. Doch bei manch ausländischer Konkurrenz scheinen sie längst auf grün gesprungen zu sein: Tesla feiert Rekordabsätze und Unterhaltungsriese Sony präsentierte vergangene Woche den Prototypen für einen eigenen E-SUV auf der CES – was lernen wir daraus? Wer im Automobilgeschäft langfristig bestehen will, muss schnellstmöglich reagieren und sich dem immer schneller um sich greifenden Strukturwandel stellen.

Strukturwandel in der Automobilindustrie, das meint zum einen den recht offensichtlichen Entwicklungs- und Produktionsumstieg vom Verbrenner auf E-Antriebe. Spätestens seitdem Pläne für ein Verbrenner-Neuzulassungsverbot ab 2035 laut wurden, ist der großangelegte E-Mobility-Shift nicht mehr von der Hand zu weisen – Gott sei Dank. Zudem beeinflusst die fortschreitende „Softwarisierung“ von Fahrzeugen und Produktionsstätten die Branche entscheidend: Kommt es für Verbraucher:innen längst nicht mehr nur darauf an, von A nach B zu gelangen, sondern auch darauf, wie tech-kompatibel ein Auto mit Endgeräten wie Smartphones ist. So eröffnen sich völlig neue Märkte mit verschiedenen industriellen Schnittstellen, beispielsweise durch In-Car-Payment oder anderen auf Daten basierenden Dienstleistungen. Wer auf diese digitalen Herausforderungen keine Antwort hat, wird es schwer haben, etablierter Player zu bleiben. Mit den Fahrzeugen verändern sich daher auch die Hersteller: weg vom klassischen Industrieunternehmen hin zu integrierten Hard- und Software-Unternehmen. Und das bringt Veränderungen in Betriebsabläufen und Zusammenarbeit, erfordert ganz neue Kompetenzprofile – eröffnet aber auch Chancen. Kurzum, alle Zeichen stehen auf Umbruch.

Was uns die Halbleiterkrise lehrt

Aktuell beschäftigt viele Automobilhersteller vor allem der Halbleitermangel und das dürfte nach aktuellen Prognosen auch noch einige Monate andauern. Ein Halbleiter ist der wichtigste Bestandteil von Mikrochips und aus modernen Fahrzeugen nicht mehr wegzudenken. Er regelt vom Antrieb, Fahrverhalten bis zum Auslösen des Airbags alles in modernen Autos. In einem Durchschnittsfahrzeug sind daher aktuell mindestens hundert Bauteile, in denen Halbleiter vorkommen, verbaut. Und: Elektroautos benötigen sogar noch mehr Halbleiter als Verbrenner – was die Problematik zuspitzt, da Hersteller einem möglichen E-Antrieb-Boom so nur hinterherhecheln können. Denn Halbleiter werden nicht nur in Autos gebraucht, sondern auch in Smartphones, Smart TV oder Festplatten. Auch der weitere Aufstieg von NFTs, Smart Contracts und Blockchain-Anwendungen führt zu vielen „Minen“ und damit zu einem weiteren exponentiellen Anstieg von Speicherplatz. Autohersteller nehmen jedoch im Vergleich kleinere Mengen ab als etwa Unterhaltungselektronikfirmen. Sie sind also weniger lukrative Geschäftspartner für die Hersteller. Zu Beginn der Pandemie stornierte die Autoindustrie Chip- und Halbleiterlieferungen wegen des Nachfrageeinbruchs, diese fehlen jetzt und sorgen für großangelegte Lieferverzögerungen. Absatzsteigerung unter diesen Vorzeichen: keine Chance!

 

Doch bei einem Hersteller sieht das irgendwie anders aus: Tesla. Der E-Mobility-Riese konnte als einer der wenigen seine Produktions- und Absatzzahlen im vergangenen Jahr steigern – sie gegenüber 2020 sogar quasi verdoppeln. Woran liegt das? Nun, wie immer hat Elon Musk etwas richtig gemacht, was der Wettbewerb verschlafen hat. Er hat die Halbleiter- und Software-Entwicklung ins Portfolio von Tesla selbst mit aufgenommen (!) und war daher von Absagen der Zulieferfirmen deutlich weniger betroffen. Das mag nicht alleiniger Erfolgsfaktor sein, untermalt aber, welche Vorteile es hat, wenn Hersteller sich frühzeitig mit dem Strukturwandel befassen und zukunftsgewandt agieren. Das war extrem smart!

 

Ein echtes Schippchen schlug auch jüngst der Unterhaltungsriese Sony als der Konzern vor Augen der etablierten Automobilherstellern mit der Vorstellung seiner neuen E-SUV-Studie auf der CES in Las Vegas eine verdammt lange Nase machte: Tech-Company goes Automotive, das ist angesichts der oben beschriebenen Branchenentwicklung einfach nur konsequent. Auch vom Apple Car hören wir immer wieder, von dem ich überzeugt bin, dass es definitiv kommen wird. Woran arbeiten denn sonst in aller Abgeschieden- und Verschwiegenheit die vielen Beschäftigten aus der Autoindustrie, die zu Apple gewechselt sind?  

Zeit für den Automotive Reset

Doch kommen wir wieder zurück in die Bundesrepublik. Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Automobilbranche für Deutschland ist immens: Laut Statistischem Bundesamt arbeiteten 2021 mehr als 800.000 Beschäftigte im Automobilbereich. Dazu kommen rund 1,3 Mio. Angestellte in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis, wie dem KFZ-Gewerbe oder Zulieferunternehmen unterschiedlichster Branchen. Damit sich die deutsche Automobilbranche auch in Zukunft im internationalen Wettbewerb behaupten kann, müssen die Industriegrößen umdenken – sie müssen digitaler und agiler werden. Es wird Zeit für einen großangelegten Reset, mit dem wir auf das nächste Level kommen. Dazu gehört vor allem, alle Akteur:innen im System Automotive mit passenden Qualifikationen für die Zukunft auszustatten.

Welche Kompetenzen fordert Automotive 2.0?

In erster Linie ist in Unternehmen der Automobilbranche künftig immer mehr Fachwissen zu disruptiven Technologien gefragt: etwa im Zusammenhang mit der Antriebselektrifizierung, dem autonomen Fahren, aber auch der fortschreitenden digitalen Vernetzung sowie mit den veränderten Mobilitätsbedürfnissen unserer Gesellschaft. Auch digitale Fachkompetenzen rund um Computer Vision, Sensorverarbeitung und digitale Anwendungskompetenzen für Kommunikationsanwendungen und Netzwerke werden essenziell. Es gilt also, die Hard- und Software-Expertise innerhalb der beteiligten Unternehmen schnellstmöglich zu steigern. Außerdem brauchen wir Expert:innen für agilere Zusammenarbeit, wenn die Autobauer mit modernen Tech-Companys Schritt halten wollen. So weit so gut, wäre da nicht dieser verheißungsvolle Fachkräftemangel…

Ohne Up- und Reskilling auch kein Reset

Schon heute sind passende Expert:innen für die genannten Kompetenzbereiche rar. Zudem steht die Automobilbranche unverkennbar in einem War of Talents mit modernen Software-Unternehmen wie Google, Meta und Co. Auch sie sind auf der Suche nach High Potentials mit Digital- und Agility Expertise. Das heißt aber nicht, dass Automotive-Entscheider:innen die Flinte ins Korn werfen müssen. Die Lösung liegt wie immer so nahe: Passende Fachkräfte könnten nämlich längst in der eigenen Belegschaft schlummern. Upskilling und Reskilling, also gezielte Weiter- und Neuqualifizierungen von Mitarbeitenden, bieten DIE Lösung. Durch geeignete Lernangebote haben Unternehmen die Möglichkeit, kostbare Fachkräfte und Expert:innen in den eigenen Reihen zu etablieren. Neben den benötigten Fähigkeiten verfügen diese vielfach bereits über tiefes Branchenwissen und zeichnen sich durch hohe Unternehmensloyalität aus. Falls noch nicht gehört: Das Ganze kann man sich von der Bundesagentur für Arbeit (BA) fördern lassen. Deshalb, liebe Entscheider:innen der Autoindustrie: Nutzt eure Chance und baut schon heute euer Talentmanagement  für morgen in den eigenen Reihen deutlich aus, denn was bisher in diesem Bereich gemacht wurde,  wird nicht reichen. Falls ihr dabei Hilfe benötigt, ich kenne da jemanden. Also lasst uns veraltete Strukturen und Denkweisen endlich aufbrechen, damit uns die flexiblere Konkurrenz nicht davonrast. Raus aus der Komfortzone und ab auf die Überholspur!