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Gute Ideen brauchen Mut – und Geld

Von Christopher Jahns| 12. Juni 2020

Warum wir in Deutschland eine veränderte Investmentkultur brauchen

Blogbeitrag von Christopher Jahns über neue Ideen, Mut und Kapital

Diese Woche hatten wir bei der XU Group Grund zur Freude: Trotz der gegenwärtigen Krise haben wir für unsere Unternehmensgruppe eine weitere Kapitalerhöhung – Series B – notariell beglaubigt bekommen – super happy! Aber Investment verpflichtet, also weiter ackern. Bildung ist für eine europäische Venture-Finanzierung ein eher unbequemes Thema. Vor allem in Deutschland heißt es oft: Ist doch Staatsaufgabe, oder?

Gute Sache: Upskilling in Unternehmen

Wir konzentrieren uns zum Glück auch stark auf den B2B-Anteil. Für uns geht es um die Frage: Wie können wir Professionals, die schon zehn, zwanzig oder auch dreißig Jahre im Beruf sind, unserer Unternehmen optimal auf die Digitalisierung vorbereiten, sie umfassend dabei begleiten? Das primäre Bildungssystem – Schulen und Hochschulen – leistet das nicht, es nimmt Schüler*innen und Studierende in den Blick. Bei uns stehen dagegen die Unternehmen und das Upskilling der Beschäftigten im Vordergrund. Thematisch konzentrieren wir uns voll auf die Digitalisierung und neue Technologien.

Trotzdem: Wir laufen hinterher

Europa droht in Sachen digitale Transformation im Vergleich zu den großen Hauptakteuren China und USA immer deutlicher ins Hintertreffen zu geraten; wir sind im Sandwich, die beiden großen Digitalgiganten machen die Aufteilung der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt unter sich aus und auch der Großteil der weltweiten Unicorns kommt aus China und USA. Allein in Deutschland muss über die nächsten zehn Jahre in einigen Industrien die Hälfte der Belegschaft durch Reskilling auf ein neues digitales Berufsprofil umgeschult werden. Mit ihrer Arbeit kann die XU Group dabei helfen, den Rückstand beim Eintritt in das digitale Zeitalter etwas kleiner werden zu lassen. Aber an der grundsätzlichen Problematik können auch wir nicht viel ändern: Wir sind viel zu weit hinten, Leute!

Gutes Geld für gute Ideen

So haben auch Start-ups mit innovativen Ideen in puncto Venture Capital in den beiden großen Wirtschaftsnationen weit bessere Möglichkeiten als hierzulande. Für vielversprechende Konzepte zahlen Investoren in den USA oft das Zehnfache von dem, was hier geboten wird. China lässt gar das Zwanzigfache springen. Wen wundert es da noch, dass es ausgerechnet in diesen beiden Ländern so viele Unicorns, Start-ups mit einem Marktwert von über einer Milliarde US-Dollar, gibt?

Kampf mit unsauberen Mitteln

Dazu muss man allerdings sagen, dass die USA und China den Rest der Welt – freundlich gesagt – unsauber gefoult haben. Ich denke da täglich dran, nicht nur wenn ich in den USA oder in China bin. Im Silicon Valley, in New York und inzwischen in Peking, Shanghai, Shenzhen, Hangzhou, Guangzhou schafft sich die Gründer- und Digital-Szene mit einer ganz eigenen Wertekette einfach selbst Geld: Durch gezielte Überbewertungen und Weiterverkäufe zu astronomischen Beträgen entstehen riesige Finanzmassen. Entsprechende Gehälter locken die besten Talente der Welt ins Silicon Valley, zum Beispiel nach Hangzhou, dem Sitz von Alibaba. Ende letzten Jahres wurde mir dort eine neue Initiative in einem der Digitalzentren präsentiert: Im Rahmen eines Programms sollen je eine Mio. Bewohner*innen 100 AI-Fachkräfte in die Stadt gelockt werden. In Peking gibt es allein mehr als 8.000 Start-ups, die sich nur auf AI spezialisiert haben. In Berlin haben wir gerade mal 2.500 – 3.000 Nachwuchsunternehmen in Summe, inkl. Muffin-Start-ups – nichts gegen Muffins! Doch was nutzt da ein geiles digitales Ökosystem in Berlin, wenn Deutschland und Europa bei der Finanzierung deutlich hinterherhinken?

Sand im Investitionsgetriebe

Unabhängig vom Foulplay der großen Zwei, kämpfen wir bei uns auch noch mit anderen strukturellen Problemen. Zum einen ist bei uns die Risikobereitschaft zu gering. So gibt es einfach zu wenige Venture-Capital-Fonds mit einer entsprechenden Hebelwirkung und dieser Tage hört man in der Szene, Deals, die vor Corona im Closing waren, werden finalisiert, aber Neue kaum gestartet. Aus den schon erwähnten Gründen fehlt es auch an den ganz großen Talenten in unseren Breitengraden oder laufen euch jeden Tag sehr viele AI-Cracks über den Weg? Und: Auch der Finanzierungsweg über unsere heimisch so starken Unternehmen aus der Industrie (Deutschlands Stolz) ist hierzulande kein wirklich lohnender. Die großen Player haben ihre starren Controllingstrukturen und Investmentbedingungen. Das hört keiner gerne, aber wann sind Ventures und Start-ups durch die Decke gegangen, wenn sich Großunternehmen direkt oder indirekt daran beteiligt haben? Beispiele bitte posten! Außerdem werben sie lieber die guten Leute aus der Szene für ihre eigenen Digital-Labs oder immer mehr für die (zum Glück entstehenden) eigenen Software-Schmieden ab. Bin ich hier ein typisch deutscher Meckerer?

Raus aus dem Schneckenhaus!

Aber ein denkbarer Ansatz wäre es, wenn der Bund oder auch die EU sich endlich mal was trauen und sich an großen Venture-Capital-Fonds beteiligen. Wir sprechen hier von Milliardenfonds mit staatlicher Beteiligung, wie sie in China längst existieren. Der Staat könnte zum Beispiel einen bereits von privaten Geldgebern aufgegleisten Venture-Capital-Fonds verdoppeln oder noch besser verdreifachen. Aber Bewertung, Managementhilfe, Wachstumssteuerung sollte er den Profis des Venture-Capital-Fonds überlassen. Wir haben genügend starke Leute, die Investments bewerten und vor allem helfen können, dass junge Unternehmen wachsen. Das wäre doch mal eine Ansage – auch international!

Herzlichst Christopher Jahns