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Schöne neue Arbeitswelt

Von Christopher Jahns| 24. Juli 2020

Sechs grundlegende Veränderungen prägen das „new normal“ des Pandemie-Zeitalters

Blogbeitrag von Christopher Jahns zum Thema neue Arbeitswelt XU Group

Aktuell wird gerade wieder viel über das „new normal“ geredet und geschrieben. Schon nach der Finanzkrise 2008 und der nachfolgenden Rezession wurden signifikante Änderungen so bezeichnet. Doch: Was bringt die neue Normalität dieses Mal für uns? Und was genau hat es damit in der Arbeitswelt von heute auf sich? Sechs wesentliche Punkte werden unsere Arbeit in der Jetzt-Zeit und vermutlich noch eine ganze Weile lang prägen.

1. Neu und gut: Meeting-Disziplin

In Videokonferenzen erlebe ich heute ausnahmslos Leute, die gut vorbereitet sind. Alle halten sich an die definierten Zeitfenster, sind pünktlich und keine*r überzieht. Niemand telefoniert nebenbei oder fummelt auf seinem Smartphone herum. Stattdessen sind die Leute vor ihren Bildschirmen präsent und arbeiten mit. Das war früher anders.

2. Mehr Tempo: effizienteres Arbeiten

Die gesamte Arbeitswelt ist aus meiner Sicht deutlich schneller und effizienter geworden. Ein Beispiel: Ich lerne einen neuen Kunden kennen, einen Unternehmensvorstand. Früher verabredete man sich für ein intensiveres Gespräch – in vier oder fünf Wochen. Im schlimmsten Fall bedeutete das auch noch einen halben Tag Anreise für eine Stunde Gespräch. Und der Gesprächspartner verspätete sich obendrein noch um 15 Minuten, wodurch der Termin auf 45 Minuten schrumpfte.

Heute sagt man sich: Wir wollen miteinander sprechen, lass uns einen Videocall aufsetzen. Spätestens nach 14 Tagen findet der dann definitiv statt – das „new normal“ macht Tempo.

3. Im Aufwind: Online-Education

Von dieser Entwicklung profitieren nicht zuletzt wir selbst. Arbeiten und Lernen waren – und sind es bei vielen Leuten noch immer – zwei getrennte Welten­. Ich war entweder „auf einem Seminar“ oder habe gearbeitet. Während des Seminars oder Trainings blieb die Arbeit liegen. In Zeiten des „new normal“ hat sich auch das geändert. Online-Education boomt, erlebt mehr Akzeptanz und hilft dabei, wirklich effektiv zu lernen. Plus: Alles wird auch hier schneller und zeitlich flexibler (siehe Punkt 2). Statt langer ganzer Tage sind die Lerneinheiten zwei oder vier Stunden lang, was nicht zuletzt sehr gut für die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden ist.

Noch etwas anderes hat sich durch „new normal“ geändert. Früher hieß Online-Education für viele, vor dem Computer zu sitzen und Lernvideos anzuschauen. Heute findet Wissensvermittlung, das Enablement, zum Beispiel als Video oder Podcast in gut kuratierten Learning-Journeys statt. Hier eigne ich mir in meinem Tempo Wissen an. Doch auch die Wissensanwendung, das Empowerment, funktioniert heute online, in Lerngruppen, mit Teamarbeit, Live-Sessions etc. So kann ich das eigentliche Einüben, Reflektieren, Anwenden ebenfalls über eine Remote-Plattform absolvieren bzw. – je nach Perspektive – anbieten.

4. Besonderes Event: Workshops

Es ist nicht so, dass klassische Workshops ganz abgeschafft sind. Im Gegenteil: Mir fällt auf, dass das Format derzeit sehr bewusst für längere und kreative Sessions genutzt wird, in denen es wichtig ist, dass Menschen sich sehen und physisch wahrnehmen. Für die Teilnehmenden sind Workshops jetzt etwas Besonderes, mit einem höheren Stellenwert. Statt in der x-ten Online-Session zu sitzen, trifft man sich real mit anderen. Der Mehrwert spiegelt sich auch in der inneren Haltung wider: „Wenn ich jetzt schon irgendwohin fahre und mich mit anderen treffe, will ich auch ein gutes Ergebnis.“ Es soll sich schließlich lohnen. Wir gehen im „new normal“ komplett anders an Workshops heran als früher. Der Aufwand, den es für uns hat, wird uns deutlich; die soziale Interaktion wird zu etwas Besonderem. Und wie bei Meetings gilt auch für Workshops: Alles ist strukturierter und konzentrierter.

5. Endlich anerkannt: Homeoffice

Große Konzerne hatten sich noch vor wenigen Monaten deutlich mehr gegen die Möglichkeit einer Homeoffice-Regelung für Hunderttausende von Beschäftigten gesperrt. Immer schwang ein wenig die Ansicht mit: Wer zu Hause sitzt, arbeitet nicht richtig. Doch inzwischen wissen wir: Im Homeoffice kann man mindestens so produktiv arbeiten wie im Office – wenn nicht sogar besser. Das gilt erst recht, wenn beispielsweise durch die Versorgung der Kinder daheim noch weitere Herausforderungen warten. Daher muss es heute heißen: Wer zu Hause arbeitet, ist in Online-Sessions besonders konzentriert und gut vorbereitet – auch damit nicht der falsche Eindruck entsteht, man hänge nur rum und gammele. Wer zu Hause schafft, zeigt Disziplin und arbeitet besonders konstruktiv mit. Für mich ist das ein spannender Punkt: Hier hat sich die öffentliche Wahrnehmung um 180 Grad gedreht!

6. Im Trend: Virtuelle Stand-ups

In Start-ups oder digitalen Tech-Companies gehören regelmäßige Stand-ups dazu: Die Teams kommen zu kurzen Treffen zusammen und besprechen, wer woran arbeitet oder wer welche Prioritäten hat. Das bringt mehr Austausch, Transparenz und Präsenz. Größeren Unternehmen ging das lange ab. Bei Checks der Unternehmenskultur hörten wir oft Beschwerden darüber, dass sich viele nicht informiert und abgeholt fühlten. Kein Wunder: Die oberste Chefetage gab sich, wenn überhaupt, nur zur Weihnachtsfeier mal die Ehre. Hier hat „new normal“ definitiv einen anderen Standard gesetzt. Inzwischen gibt es regelmäßige Video-Stand-ups, in denen Teams oder Unternehmensbereiche umfassend informieren. Vielen Führungskräfte empfehlen wir schon länger, einfach mal eine Videobotschaft zu sprechen oder Memo-Messages in ihre Zirkel zu verteilen. Informationsdichte, Transparenz und Abstimmung nehmen deutlich zu – nicht zuletzt auch wieder das Vertrauen der Mitarbeiter*innen.

Das sind für mich die aktuellen relevanten Veränderungen in der Arbeitswelt – dem „new normal“. Häufig ist hier auch von „Neuem Arbeiten“ die Rede, nicht aber von „New Work“. Letzterer Begriff ist noch immer eng mit der ersten Co-Working-Welle verbunden. Er steht, salopp gesagt, heute für ein hippes Lebensgefühl und schicke Office-Räume. Aber das Eigentliche, was man über „New Work“ erreichen wollte, ist erst jetzt Wirklichkeit geworden: eine neuartige digitale, auch-virtuelle Welt. Und in der ist es völlig egal, ob wir im schicken Co-Working-Loft, im Konzern-Hochhaus oder im eigenen Wohnzimmer sitzen. Ein Riesenschritt für uns alle, oder?

Herzlichst Christopher Jahns