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Mit Re- und Upskilling als Arbeitgeber Flagge zeigen

Von Christopher Jahns| 21. August 2020

Für Land und Leute: Personal umschulen statt entlassen

Millionen Beschäftigten droht zurzeit die Entlassung. Doch zugleich werden vielerorts Fachkräfte im digitalen Bereich händeringend gesucht. Warum also Mitarbeitende nicht einfach reskillen, anstatt sie zu entlassen? Effizientes Umschulen geht schneller als gedacht, schafft Perspektiven – und wird staatlich mitfinanziert.

Die Nachrichten überschlagen sich: Landauf, landab, so liest man, bauen Automobilunternehmen, Zulieferer der Autobranche, Banken, Handel, aber auch Tourismus und Flugzeugbau Personal ab. Die Zahlen liegen nicht selten im fünfstelligen Bereich. Was für eine Welle kommt da auf uns zu?

Entlassen ist zu kurz gedacht

Der erste Reflex bei Unternehmern ist für gewöhnlich: Wenn wir Kapazitätsüberhänge haben und unsere Leute über das Instrument der Kurzarbeit auf Dauer nicht weiterbeschäftigen können, heißt es, Personalkosten abzubauen. So funktioniert Marktwirtschaft eben. In Zeiten wie diesen ist es schwer zu prognostizieren, wann die Autoindustrie wieder die alten Absatzzahlen erreicht oder ob die Zahl der Flüge je wieder das Niveau wie zu Beginn dieses Jahres erreichen kann.

Die IG Metall favorisiert die Vier-Tage-Woche, was Arbeitgeber pauschal ablehnen. Es ist erkennbar, dass jede Seite in der Krise ihre Position absteckt, auch der Arbeitsminister bezieht Stellung. Mir persönlich fehlt in der Debatte jedoch eine Überlegung: Wie wäre es denn mit „Reskilling“? Nahezu alle Unternehmen, die Personal abbauen, suchen doch im Rahmen ihrer digitalen Transformation händeringend Coder*innen, Software-Entwickler*innen, DevOps-Engineers, Web-Entwickler*innen und -Designer*innen, kurz: Expert*innen rund um das Thema Software. Warum also nicht einfach das vorhandene Personal nutzen?

Unternehmen werden Software-Unternehmen

Hierzulande hat inzwischen jeder verstanden, dass ein Unternehmen in Zukunft zugleich ein Software-Unternehmen mit digitalen Produkten und Dienstleistungen sein wird. Wer jedoch eben zumindest „auch“ Software-Unternehmen wird, als Anlagenbauer, Automobil-OEM oder Zulieferer, etc., sollte besser eigene Softwarekompetenzen ausbauen, statt sie sich nur von außen einzukaufen. Apple & Co. würden beim Thema Software ja auch keine externen Dienstleister beschäftigen – lernen von den Großen also. Und die besten Software Engineering Unternehmen wie z.B. adesso haben das auch kapiert, sie trainieren sogar ihre Kunden, damit diese überlege Software mit ihnen zusammen bauen können. Das gilt auch in Marketing und Vertrieb: Auch hier möchte niemand von Agenturen oder Dritten abhängig sein, sondern lieber die eigenen digitalen Fähigkeiten und Technologien ausbauen – und damit nicht nur Kompetenzen im Haus bündeln, sondern zugleich die eigene Wertschöpfung erhöhen.

Coding-Camps für schnelles Lernen

Insgesamt fehlen allein in Deutschland Hunderttausende Digital-Expertinnen und -Experten. Die Lösung: Coding-Camps, die in den USA und China längst Alltag sind. Hier können Menschen ohne jede Vorkenntnis innerhalb von 26 bzw. 52 Wochen Coding oder Software-Entwicklung erlernen, ohne vier Jahre Informatik studiert zu haben. Bereits über die Hälfte der unter 25-Jährigen bringt sich das Coden mit Kursen und Tools aus dem Netz bereits selbst bei. Klar, wer neue Algorithmen entwickeln will, braucht meist ein Studium. Aber das betrifft nur 20 Prozent, eben die wie ich sie nenne „Hochtrapezthemen“. 80 Prozent der Projekte und Aufgaben hingegen können alle, die eine saubere Coding- oder Software-Ausbildung haben, erledigen.

Als Initiator einer Hochschule in diesem Bereich bin ich absolut der Meinung, dass junge Menschen auch vernünftig studieren sollen. Aber die Rede ist hier und heute vor allem von denjenigen, die schon im Arbeitsleben stehen – dies womöglich aber gar nicht mehr lange. Denn zehn Millionen Beschäftigte sind hierzulande von Kündigung oder Kurzarbeit betroffen. Viele wissen nicht, ob sie jemals in ihren Job zurückkehren können. Jetzt also ist die Zeit, die eigenen Leute substanziell mit den 6- bis 12-monatigen Reskilling-Programmen zu versorgen.

Weitersagen: Reskilling wird staatlich unterstützt

Was nur wenige wissen: Bereits seit 2018 zahlt der Staat Umschulungen bis zu 100 Prozent. Das Qualifizierungschancengesetz sieht vor, dass Beschäftigte, deren Jobs insbesondere durch die Digitalisierung und Automatisierung gefährdet sind, auf neue digitale Positionen umgeschult werden können. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) bezuschusst sowohl die Programme als auch die laufenden Lohn- und Gehaltskosten. Kleineren Unternehmen werden volle 100 Prozent real erstattet. Bei Großunternehmen waren es zunächst 15 bis 20 Prozent; mit dem „Arbeit-von-morgen-Gesetz“ aus dem Jahr 2020 ist dieser Anteil auf immerhin 30 bis 50 Prozent angehoben worden.

Und alle, die mich jetzt fragen: „Wie sollen wir denn aus jemanden, der in Verwaltung oder Montage arbeitet, einen Coder machen?“, sage ich: Es gibt Hunderttausende von Beispielen aus den USA, China und inzwischen auch hier aus Deutschland, die zeigen, dass auch 40- oder 50-Jährige – und natürlich auch Jüngere – innerhalb von 26 bzw. 52 Wochen für digitale Jobs fit gemacht werden können – wirklich. Viele haben verstanden, dass mit 45 oder 50 noch 15 oder 20 Berufsjahre vor ihnen liegen. Wer weiterhin eine nachhaltige Beschäftigung und ein gutes Einkommen haben will, muss umdenken. Und umlernen.

Das Land gemeinsam nach vorne bringen

Viele Personalvorstände, mit denen wir zusammenarbeiten, denken ebenfalls neu. Sie freuen sich, wenn ihre Leute neue Chancen in digitalen Jobs bekommen. Daher folgen immer mehr dem Weckruf: lieber Reskilling mit staatlicher Unterstützung, lieber Wachstum im digitalen Bereich, als weiterhin plump Personal abzubauen. Unterstützung erhalten Unternehmen dabei durch qualifizierte Bildungsträger, die XU Group ist nur einer davon. Sie alle können und dürfen ihre Programme in Firmen anbieten und umsetzen. Dass Betriebsräte das gut finden, versteht sich von selbst. Wir arbeiten mit so vielen von ihnen, die den Ernst der Lage manchmal mehr erkannt haben als die ein oder andere Führungskraft selbst.

Noch ein letztes Argument der Kritiker*innen möchte ich entkräften: Die BA-Förderung ist nämlich nicht kompliziert. Sicherlich sind eine Reihe von Informationen und Angaben nötig. Aber die Abläufe lassen sich vernünftig automatisieren bzw. als digitalen Prozess aufsetzen. Gemeinsam mit den Dienstleistern lässt sich eine Menge schaffen, unsere Expert*innen entlasten die HR-Abteilungen zum Beispiel kostenlos bei der Antragstellung, mit den entsprechenden digitalen Prozessen.

Als Arbeitgeber Flagge zeigen

In kleineren Unternehmen sind mitunter zwei oder drei Leute betroffen. Doch gerade die KMUs sind in Summe eine wichtige Säule unserer Wirtschaft. Jeder erhaltene Job zählt! Selbst wenn nur die Hälfte der Beschäftigten Reskilling-Kurse besteht, ist das schon ein beachtlicher Erfolg für einen Betrieb. Unternehmen und ihre Betriebsräte zeigen mit ihrem Engagement Flagge und tun zugleich auch etwas für das Ansehen als Arbeitgeber. Vor allem aber verhelfen sie betroffenen Beschäftigten zu einer neuen Perspektive für das weitere Berufsleben. Also aufhören über Überkapazitäten zu klagen, ran ans Reskilling.